Ein Stapel Rave-Flyer erzählt über eine Szene oft mehr als eine sauber nachgezogene Chronologie. Telefonnummern, Treffpunkte, Soundsysteme, Eintrittspreise, Typografie und DJ-Namen zeigen, wie schnell sich die britische Rave-Kultur Anfang der 90er bewegte. phatmedia presents UK Rave Flyers 1990–1991 bündelt davon mehr als 700 Originale in einem neuen Band, der am 13. November 2026 bei Velocity Press erscheint.

Zwei Jahre, in denen Rave überall auftauchte

Das Buch ist der zweite Teil einer geplanten phatmedia-Trilogie und schließt an den Band über 1988 und 1989 an. Der neue Abschnitt konzentriert sich auf 1990 und 1991: Warehouse-Partys, Free-Party-Soundsystems, nicht lizenzierte Raves, legale All-Nighter und die ersten großen lizenzierten Outdoor-Veranstaltungen stehen nebeneinander. Genau in dieser Phase wurde aus Acid House ein breiteres Netz aus Hardcore, Breakbeat, Techno und regionalen Szenen.

Ein Ultim8-Flyer von 1992 zeigt, wie dicht Line-up, Technik und praktische Informationen auf solchen Drucksachen zusammenkamen. Das Beispiel stammt aus dem unmittelbar folgenden Rave-Jahr und nicht aus dem Buch. Scan: Ultim8 Raves / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Ein Ultim8-Flyer von 1992 zeigt, wie dicht Line-up, Technik und praktische Informationen auf solchen Drucksachen zusammenkamen. Das Beispiel stammt aus dem unmittelbar folgenden Rave-Jahr und nicht aus dem Buch. Scan: Ultim8 Raves / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Das Papierarchiv hinter dem Dancefloor

Velocity Press gibt den Umfang mit 292 Seiten im A4-Format an. Neben den restaurierten Flyern enthält der Band Interviews, Erinnerungen und seltene Fotografien. Beiträge stammen laut Verlag unter anderem aus dem Umfeld von NJOI, Altern-8, LFO, Shades Of Rhythm, Dream Frequency und Utah Saints. Damit rückt das Buch auch die Leute hinter den Grafiken und Veranstaltungen in den Blick: Promoter, Designer, DJs und Raver, deren Namen auf vielen heutigen Rückblicken fehlen.

Gerade die Flyer selbst sind ein brauchbares Gegenmittel gegen nostalgische Vereinfachung. Manche wirken handgemacht und billig, andere überraschend ausgearbeitet. Sci-Fi-Motive, psychedelische Grafiken, Telefonnummern und Wegbeschreibungen gehörten zur Infrastruktur einer Szene, die ohne soziale Netzwerke und Ticket-Apps Publikum bewegen musste. Gestaltung war Information, Code und Werbung zugleich.

Fantazia Summertime 1992 in Bournemouth: ein dokumentarischer Blick auf die Rave-Kultur direkt nach dem Zeitraum des neuen Buchs. Foto: Altjunglist / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Fantazia Summertime 1992 in Bournemouth: ein dokumentarischer Blick auf die Rave-Kultur direkt nach dem Zeitraum des neuen Buchs. Foto: Altjunglist / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Ein Archiv für eine flüchtige Kultur

Viele Raves existierten nur für eine Nacht, ihre Flyer blieben in Schubladen, Plattenkisten und privaten Sammlungen erhalten. phatmedia hat daraus über Jahre ein umfangreiches Archiv aufgebaut. Die Buchform gibt diesem Material eine Reihenfolge, ohne ihm die Gebrauchsspuren zu nehmen. Für jüngere Leser ist das besonders interessant, weil sich die Entwicklung der Szene über konkrete Namen, Orte und Veranstaltungsgrößen nachvollziehen lässt.

Der Hardcover-Band kostet beim Verlag 39 Pfund. Wer sich für die britische Rave-Geschichte interessiert, bekommt damit vor allem Primärmaterial: keine nachträglich entworfene Retro-Ästhetik, sondern Drucksachen, die damals tatsächlich auf Straßen, in Shops und vor Clubs zirkulierten. Zwischen 1990 und 1991 steckt darin eine bemerkenswert schnelle Veränderung – sichtbar in Papier, Farbe und immer größer werdenden Line-ups.

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