Arca meldet sich mit XXXXX zurück, ihrem ersten vollständigen Album seit dem Abschluss der Kick-Reihe im Jahr 2021. Die 16 Stücke erscheinen über XL Recordings und führen ihre Musik erneut in einen Bereich, in dem Clubrhythmus, Stimme, Körper und digitale Verformung kaum voneinander zu trennen sind. Statt die unterschiedlichen Seiten der fünf Kick-Alben sauber weiterzuführen, verdichtet XXXXX sie zu einem raueren, schwerer lesbaren Ganzen.
Das Album dauert 47 Minuten und bewegt sich von kurzen, fragmentarischen Stücken zu Tracks, die mit aggressiver Percussion, metallischen Flächen und plötzlich aufbrechender Melodie arbeiten. Titel wie „Raver“, „Fxck“, „Taconeando“, „Everything“ und „Sueño“ markieren kein einheitliches Genre. Sie bilden eher verschiedene Zustände eines Systems, das ständig zwischen Kontrolle und Überlastung umschaltet.
XXXXX folgt nicht einfach auf die Kick-Serie
Die fünf Kick-Alben hatten Arcás Werk in unterschiedliche Richtungen aufgefächert: Reggaetón, experimentelle Elektronik, Pop, Ambient, Noise und intime Vokalstücke konnten jeweils stärker hervortreten. XXXXX nimmt diese Trennung zurück. Elemente, die zuvor auf verschiedene Platten verteilt waren, liegen nun übereinander und konkurrieren um Raum.
Dadurch wirkt das Album dichter und weniger bequem. Ein rhythmischer Ansatz kann jederzeit von einem Stimmfragment, einem harten Frequenzwechsel oder einer harmonischen Verschiebung unterbrochen werden. Arca baut keine klare Dramaturgie, die von Chaos zu Auflösung führt. Die Instabilität bleibt bestehen und wird zum eigentlichen Material.
Der Titel knüpft an frühere Projekte mit fünf Zeichen an, darunter &&&&& und @@@@@. Diese Benennung ist keine bloße Chiffre. Sie unterstreicht, dass Arca ihre Veröffentlichungen häufig als offene Systeme behandelt, in denen Identität nicht festgeschrieben, sondern wiederholt verändert wird.
Clubmusik erscheint als deformierter Körper
Auf „Raver“ und „Fxck“ ist die Verbindung zur Tanzfläche besonders direkt, aber auch dort bleibt nichts stabil. Tempi, Betonungen und Klangfarben verschieben sich, bis bekannte Bausteine aus Footwork, Industrial, EDM und dekonstruierter Clubmusik nur noch als Restformen erkennbar sind. Die Tracks funktionieren körperlich, ohne sich einem klassischen Peak-Time-Aufbau zu unterwerfen.
„Taconeando“ bringt rhythmische Figuren ins Spiel, die an Flamenco und Tango erinnern, aber nicht als saubere Stilzitate behandelt werden. Sie erscheinen wie Bewegungsdaten, die durch eine andere Maschine laufen. Das Ergebnis ist weder folkloristisch noch distanziert. Es bewahrt die körperliche Geste und verändert ihre Oberfläche.
Arca arbeitet seit Jahren mit dieser Spannung. Ihre Musik kann extrem künstlich klingen und zugleich sehr unmittelbar auf Atmung, Stimme, Schmerz oder Lust reagieren. XXXXX verschärft diesen Gegensatz, indem organische und digitale Signale nicht versöhnt werden. Sie reiben sich aneinander.
Die Stimme bleibt nah, auch wenn der Klang zerfällt
Neben den harten rhythmischen Passagen stehen Stücke wie „Willow“, „Heart“, „Enraptured“ und „Sueño“, in denen Arcás Stimme eine andere Form von Nähe erzeugt. Sie wird gefaltet, geschichtet, nach hinten gezogen oder plötzlich fast ungeschützt in den Vordergrund gestellt. Diese Wechsel verhindern, dass die Produktion ausschließlich als abstraktes Sounddesign wahrgenommen wird.
„Heart“ spielt mit der Vorstellung eines biomechanischen Herzschlags. Puls und Maschine werden nicht gegeneinander gesetzt, sondern als Varianten desselben Vorgangs behandelt. „Willow“ arbeitet mit Glockenklängen und einer dunklen, rituellen Atmosphäre. „Sueño“ schließt das Album ohne versöhnliche Auflösung und lässt die zuvor aufgebauten Spannungen in einem unsicheren Zustand zurück.

Die Barcelona-Übertragung war Teil des Albums
Vor der Veröffentlichung präsentierte Arca neues Material in einer aufwendig produzierten Diva.Experimental-Übertragung aus Barcelona. Die Performance verband mehrere Orte und behandelte das Album nicht als bloße Tonträgerpremiere, sondern als räumliches und körperliches Ereignis. Für Arca sind Bild, Kostüm, Bewegung und Klang seit Langem keine getrennten Ebenen.
Diese Präsentationsform passt zu XXXXX. Viele Tracks wirken wie Ausschnitte aus einer größeren Umgebung, nicht wie in sich abgeschlossene Songs. Übergänge, abrupte Schnitte und kurze Formen erzeugen den Eindruck, dass die Platte nur eine mögliche Anordnung des Materials zeigt.
Gleichzeitig ist das Album konzentrierter als ein endloser Stream. Die 16 Stücke sind knapp gesetzt und verzichten häufig auf Wiederholung. Ideen werden eingeführt, übersteuert und verlassen, bevor sie sich vollständig stabilisieren. Das verlangt Aufmerksamkeit, hält die Musik aber in ständiger Bewegung.
Ein schwieriges Album ohne demonstrative Schwere
XXXXX ist keine leichte Platte, doch sie trägt ihre Komplexität nicht wie ein akademisches Abzeichen. Die stärksten Momente entstehen dort, wo Klang und Körper sofort reagieren: ein Bassimpuls, eine gebrochene Stimme, ein Rhythmus, der kurz greift und dann wieder entgleitet. Man muss die theoretischen Begriffe rund um Posthumanismus oder Transformation nicht entschlüsseln, um diese Wirkung zu spüren.
Nach fünf Jahren ohne neues Studioalbum hätte Arca ihre verschiedenen Erfolgsformen bequem bündeln können. Stattdessen legt sie ein Werk vor, das bekannte Elemente gegeneinander verschiebt. Popnähe, Clubenergie und Experiment stehen nicht ordentlich nebeneinander. Sie kämpfen um dieselbe Oberfläche.
Gerade darin liegt die Kraft von XXXXX. Das Album versucht nicht, Arcás bisherige Entwicklung zusammenzufassen. Es setzt sie unter neuen Druck. Heraus kommt Musik, die gleichzeitig fremd, intim und sehr physisch wirkt – ein Maschinenkörper, der keine endgültige Form akzeptiert.









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