Berlins Clubs haben kein Nachfrageproblem. Genau das macht die Ergebnisse der neuen Studie Clubkultur Berlin 2026 so unangenehm. Die Tanzflächen bleiben gut gefüllt, gleichzeitig wird es für viele Betreiber*innen schwieriger, den Laden wirtschaftlich zusammenzuhalten. Die Clubcommission Berlin und die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe haben die Erhebung am 7. August vorgestellt; 102 vollständig ausgefüllte Fragebögen bilden die quantitative Grundlage.

Der deutlichste Bruch steckt in der Umsatzstruktur. 2017 kamen rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf, der Eintritt lag bei 21 Prozent. Inzwischen ist das Verhältnis fast umgedreht: 59 Prozent der Einnahmen stammen aus Eintrittsgeldern, Gastronomie und Getränke kommen auf 20 Prozent. Für Clubs, die ihre kulturelle Arbeit über den Tresen mitfinanziert haben, ist das eine ziemlich handfeste Verschiebung.

Vollere Räume bedeuten nicht automatisch gesunde Kassen

83 Prozent der befragten Clubs und Veranstaltenden melden eine Auslastung von mindestens 50 Prozent, ein Drittel liegt sogar über 75 Prozent. Trotzdem arbeiten deutlich weniger Betriebe kostendeckend als noch vor einigen Jahren. 2017 waren es 79 Prozent, 2025 nur noch 61 Prozent. 39 Prozent schließen mit Verlusten ab.

Die Gründe lassen sich nicht auf einen einzelnen Posten reduzieren. Personalkosten nennen 64 Prozent als Belastung, Betriebskosten 62 Prozent, die sinkende Kaufkraft des Publikums 60 Prozent und Miete beziehungsweise Pacht 54 Prozent. Dazu kommt ein verändertes Ausgehverhalten: 73 Prozent beobachten weniger Alkoholkonsum, 60 Prozent mehr alkoholfreie Getränke und 57 Prozent kürzere Aufenthaltszeiten.

Menschen feiern bei einer elektronischen Musikveranstaltung nahe der Berliner Siegessäule.
Die Ergebnisse wurden im August auf der Hoppetosse vorgestellt. Foto: Lisa Vlasenko / Clubcommission Berlin.

Der Eintritt trägt immer mehr vom Abend

Für Clubgänger*innen ist diese Verschiebung längst sichtbar. 47 Prozent der Befragten haben Eintrittspreise erhöht, 67 Prozent die Getränkepreise. Gleichzeitig sagen 92 Prozent, dass Eintrittspreise für bestimmte Zielgruppen eine Hürde darstellen. Daraus entsteht ein ziemlich enger Korridor: Clubs brauchen mehr Einnahmen an der Tür, dürfen den Abend aber nicht so teuer machen, dass Teile ihres Publikums wegfallen.

Die wirtschaftliche Lage greift inzwischen direkt in die Programmgestaltung ein. 85 Prozent geben an, dass finanzieller Druck ihr Veranstaltungsprogramm verändert. 62 Prozent haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert, 60 Prozent Booking und Kuration angepasst, 50 Prozent die Veranstaltungszeiten. Das klingt abstrakt, ist im Alltag aber schnell zu erkennen: weniger Risiko an schwächeren Tagen, andere Timings, mehr Kooperationen oder Bookings, die einen verlässlicheren Vorverkauf versprechen.

Gerade für eine Stadt, deren Clubkultur stark von Nischen, langen Nächten und kleinen Szenen lebt, ist dieser Punkt wichtiger als jede Debatte über einzelne Ticketpreise. Wirtschaftlicher Druck verändert am Ende, welche Musik Platz bekommt und unter welchen Bedingungen Veranstalter*innen experimentieren können.

DJ spielt in einem kleinen Berliner Club vor dichtem Publikum unter grünem Licht.
Die Studie verbindet wirtschaftliche Kennzahlen mit Fragen zu Programm, Raum und Arbeitsbedingungen. Foto: Lisa Vlasenko / Clubcommission Berlin.

Die Raumfrage bleibt einer der härtesten Punkte

Nur acht Prozent der befragten Betriebe besitzen ihre Spielstätte. 31 Prozent arbeiten mit Miet- oder Pachtverträgen, die weniger als fünf Jahre laufen, weitere fünf Prozent in Zwischennutzungen. Dazu kommt die starke räumliche Konzentration: 71 Prozent der Orte liegen in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln, also genau in Bezirken, in denen Flächen und Immobilien seit Jahren unter erheblichem Druck stehen.

23 Prozent denken darüber nach, ihren Betrieb innerhalb der kommenden zwölf Monate aufzugeben. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Berlin nicht einfach in eine lineare Schließungswelle rutscht: Nach Kenntnis der Clubcommission haben seit 2020 mindestens 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen, rund 25 neue kamen hinzu. Die Szene bewegt sich also weiter, nur unter Bedingungen, die langfristige Planung schwieriger machen.

Mehr Kooperation, breitere Programme, kaum strukturelle Förderung

Viele Häuser reagieren bereits. 62 Prozent arbeiten mit anderen Bereichen der Kreativwirtschaft zusammen, 55 Prozent mit anderen Clubs und Venues, 45 Prozent mit Initiativen und NGOs. 50 Prozent haben die Diversität im Team erhöht, 43 Prozent Schulungen ausgebaut und 33 Prozent Security- und Türpersonal geschult.

Bei der Förderung bleibt ein auffälliger Abstand zwischen Bedarf und tatsächlichem Anteil. 74 Prozent sehen sich zunehmend auf öffentliche Mittel angewiesen, 39 Prozent beantragen häufiger Förderung. Im gesamten Umsatzmix machen öffentliche Mittel laut Studie aber nur zwei Prozent aus. Die Clubcommission fordert deshalb unter anderem langfristigere Förderstrukturen, die Aktivierung landeseigener Flächen und eine stärkere rechtliche Anerkennung von Clubs als Kulturstätten.

  • 102 vollständig ausgefüllte Fragebögen
  • 59 % der Einnahmen kommen heute aus Eintrittsgeldern
  • 39 % der Betriebe schließen mit Verlusten ab
  • 23 % erwägen eine Aufgabe innerhalb der nächsten zwölf Monate
  • 95 % sehen ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet

Die interessanteste Zahl steht vielleicht zwischen den Zeilen: Die Nachfrage bleibt hoch, während die wirtschaftliche Stabilität sinkt. Berlin muss also nicht erst wieder lernen, Menschen auf eine Tanzfläche zu bekommen. Entscheidend wird, ob Clubs genügend Planungssicherheit, bezahlbare Räume und finanzielle Luft behalten, um dort auch weiterhin Musik zu programmieren, die sich nicht schon Wochen vorher durchkalkulieren lässt.

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