Showtek haben mit F_CK THE SYSTEM ein eigenes Label gestartet. Den Auftakt macht eine neue Version von Kate Ryans „Ella Elle L’a“, die am 3. Juli erschienen ist. Für die Brüder Wouter und Sjoerd Janssen ist das kein abrupter Neustart, sondern der Versuch, mehrere Linien ihrer Karriere unter einem Dach zusammenzuführen. Showtek standen schon für frühen Hardstyle, große EDM-Kollaborationen, melodische Festivaltracks und zuletzt wieder deutlich härtere Produktionen. Das neue Imprint soll genau diese Beweglichkeit behalten, statt sich mit einem festen Genreprofil selbst einzuschränken.
F_CK THE SYSTEM soll keine neue Schublade werden
Der Name ist deutlich, aber die eigentliche Aussage dahinter ist interessanter als die Provokation. Showtek wollen ein Label aufbauen, das nicht über einen einzigen Sound definiert wird. Das passt zu einer Laufbahn, in der sie mehrfach die Richtung gewechselt haben, ohne ihre Herkunft aus der Hard-Dance-Szene vollständig abzulegen. In den 2000er-Jahren gehörten sie zu den prägenden Namen des Hardstyle, später arbeiteten sie mit David Guetta und Major Lazer und bewegten sich mitten im internationalen EDM-Markt. In den vergangenen Jahren kam der härtere Kern wieder stärker zum Vorschein.
Ein eigenes Label gibt ihnen die Möglichkeit, diese verschiedenen Seiten nicht länger als getrennte Kapitel zu behandeln. F_CK THE SYSTEM kann poppige Dance-Releases ebenso aufnehmen wie Techno, Hardstyle oder hybride Produktionen unter ihrem SHOWTEKNO-Alias. Entscheidend wird sein, ob das Imprint tatsächlich offen bleibt oder sich nach einigen Veröffentlichungen doch eine erkennbare Formel herausbildet. Labels brauchen Wiedererkennbarkeit, aber genau diese kann auch durch Haltung, Auswahl und visuelle Sprache entstehen – nicht nur durch BPM und Kickdesign.
Kate Ryan verbindet Eurodance-Erinnerung mit Gegenwart
Für die erste Single greifen Showtek auf einen Song zurück, der tief in der europäischen Dance-Pop-Erinnerung sitzt. Kate Ryan veröffentlichte ihre Version von „Ella Elle L’a“ 2008 und machte aus France Galls Original einen Club- und Radiohit. Die neue Zusammenarbeit nimmt diesen bekannten Refrain und setzt ihn in eine zeitgemäße, deutlich druckvollere Produktion. Der Reiz liegt weniger in Überraschung als in Wiedererkennung: Ein vertrauter Gesang trifft auf ein Arrangement, das für aktuelle Festival- und Streaminggewohnheiten gebaut ist.

Dass gerade dieser Track das Label eröffnet, ist strategisch nachvollziehbar. Er schafft eine Brücke zwischen mehreren Publikumsgruppen: Menschen, die Kate Ryan aus den 2000ern kennen, jüngere Hörerinnen und Hörer mit Interesse an Eurodance-Revival, sowie das große Showtek-Festivalpublikum. Gleichzeitig setzt der Song ein Signal, dass F_CK THE SYSTEM nicht ausschließlich als Plattform für Underground-Hardstyle gedacht ist. Der Start erfolgt bewusst mit einem Titel, der Melodie und kulturelle Erinnerung vor Härte stellt.
Showtek arbeiten längst wieder an mehreren Fronten
Die Labelgründung fällt in eine Phase, in der Showtek ihre härtere Identität offensiver ausspielen. Unter dem Namen SHOWTEKNO veröffentlichen sie Material, das näher an Hard Techno, Hardstyle und kompromisslosen Rave-Strukturen liegt. Tracks wie „BRAWL“ zeigen, dass diese Rückkehr nicht als nostalgische Kopie ihrer frühen Jahre gedacht ist. Die Produktion ist dichter, moderner und stärker von der aktuellen Überschneidung zwischen Hard Techno und Hard Dance geprägt.
Diese Doppelstrategie kann leicht unübersichtlich werden, hat aber einen Vorteil: Showtek müssen sich nicht mehr zwischen einem zugänglichen Hauptprojekt und einem härteren Clubfokus entscheiden. Das Label bietet Raum, beide Richtungen nebeneinander zu entwickeln. Für ein Duo mit einer langen Karriere ist das sinnvoller, als jede neue Phase als totale Neuerfindung zu verkaufen. Ihre Geschichte ist ohnehin von Wechseln geprägt. F_CK THE SYSTEM macht daraus ein Prinzip.
Auch die Zusammenarbeit mit Be Yourself Music ist relevant. Showtek bauen das Imprint nicht aus dem Nichts auf, sondern verbinden ihre künstlerische Kontrolle mit einer bestehenden Vertriebs- und Labelstruktur. Das kann helfen, Veröffentlichungen international zu platzieren, ohne dass das Duo auf die Flexibilität eines eigenen Hauses verzichten muss. Für neue Acts wäre ein solches Netzwerk ebenfalls attraktiv, sollte F_CK THE SYSTEM später Musik außerhalb des direkten Showtek-Umfelds veröffentlichen.

Ein Labelstart mit offenem Ausgang
Die erste Veröffentlichung beantwortet noch nicht, welche Künstlerinnen und Künstler künftig auf F_CK THE SYSTEM erscheinen werden. Ebenso offen ist, wie stark Showtek selbst den Katalog dominieren wollen. Ein Imprint kann als kontrollierte Heimat für die eigene Musik funktionieren, als Plattform für ein Netzwerk oder als Mischung aus beidem. Die interessanteste Variante wäre eine echte Öffnung: junge Produzenten aus Hardstyle, Techno, Trance und Dance-Pop könnten dort aufeinandertreffen, ohne dass jede Veröffentlichung denselben Bauplan erfüllen muss.
Gerade im aktuellen Hard-Dance-Umfeld wäre dafür Platz. Die Grenzen zwischen Hardstyle, Schranz, Hard Techno, Trance und Eurodance sind auf vielen Festivals längst durchlässiger geworden. DJs spielen ältere Hardstyle-Melodien neben schnellen Techno-Tracks, während Pop-Hooks wieder selbstverständlich in härteren Sets auftauchen. Showtek kennen diese Übergänge aus verschiedenen Phasen ihrer Karriere. Ein Label, das sie ernsthaft kuratiert, könnte mehr bieten als nur eine weitere Markenverlängerung.
Warum „Ella Elle L’a“ als Auftakt funktioniert
Die Neuinterpretation mit Kate Ryan ist deshalb ein passender Test. Sie ist nicht die radikalste denkbare Veröffentlichung, aber sie macht die Reichweite des Vorhabens sichtbar. Der Song trägt europäische Dance-Geschichte in sich, besitzt einen sofort erkennbaren Refrain und lässt sich zugleich in moderne Festivalsets integrieren. Das ist genau der Bereich, in dem Showtek seit Jahren besonders routiniert arbeiten: zwischen kollektiver Erinnerung und maximal funktionaler Gegenwart.
Ob F_CK THE SYSTEM langfristig eine eigene Handschrift entwickelt, wird sich erst mit den nächsten Releases zeigen. Der Start legt jedoch eine klare Richtung nahe. Showtek wollen ihre Vergangenheit nicht ordnen oder gegeneinander ausspielen, sondern sie als Material verwenden. Hardstyle, EDM, Techno und Dance-Pop stehen dabei nicht in einer Hierarchie. Sie sind verschiedene Werkzeuge. Wenn das Label diese Offenheit behält und nicht bloß als Ablage für Nebenprojekte dient, könnte daraus ein ungewöhnlich flexibles Zuhause für europäische Clubmusik entstehen.









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